Ideen für wirkungsvollere gewaltfreie Strategien und Gender in der zivilen Konfliktbearbeitung

Zwei Highlights vom 7. Oktober in Hamburg: der Vortrag von Stellan Vinthagen "Gewaltfreie Aktion - eine soziale Praxis von Widerstand und konstruktivem Programm", und der Beitrag von Miriam Schroer über genderorientierte Evaluation. Beide boten anregende Impulse für zukünftige Strategien, gewaltfreie Aktionen und auch für Projekte der ZKB im In- und Ausland.
Thesen von Dr. Stellan Vinthagen, Friedensforscher und Aktivist aus Schweden: Ziel und Mittel von gewaltfreier Aktion müssen zusammenpassen! Mehr Gewicht auf die Entwicklung von Alternativen zu Gewalt! Die Methoden sind der Same im Garten, um Demokratie und Gleichheit zu entwickeln. Dazu gehört es zum Beispiel zwischen der Person und ihrem Verhalten zu unterscheiden, das Verhalten in Frage zu stellen und gleichzeitig der Person gewaltfrei und wertschätzend zu begegnen. Die analytischen Konzepte, die er vorstellte, sollen dazu beitragen, einen Konsens durch Dialektik zu erreichen und potentielle Widersprüche, die im Konzept von Gewaltfreiheit selbst liegen, die zu Manipulation und paternalistischem Verhalten führen könnten, transparenter zu machen. Dogmatismus und Fundamentalismus z.B. gehören für ihn zu gewaltförmigen Verhaltensweisen.
Die Konzentration auf das Verhalten bei der Konfliktbearbeitung greift zu kurz: Im Konflikt-Dreieck von Galtung geht es um ATTITUDES (Einstellungen), BEHAVIOR (Verhalten) und CONFLICT-Widerspruch. Alle drei Aspekte wirken im Konflikt. Am Beispiel Einstellungen sprach Stellan Vinthagen von der Kraft der positiven Vision, vom Handeln, dass die Utopie vorweg nimmt. Als Beispiel erzählte er von Strandbesuchen von Schwarzen SüdstaatlerInnen, die mit ihren Picknick-körben und Badesachen die für sie verbotenen Strände der Weißen besuchten, bei denen sie immer wieder verhaftet wurden. Nur Dialog reicht nicht!
Weiterhin kritisierte er eine Verkürzung der Konfliktbearbeitung auf den Dialog zwischen den Konfliktparteien. Die Machtbeziehungen und Strukturen müssen stärker in den Blick kommen, indem man/frau eine normative Regulation derselben versucht. Das kann durch Streik und Nichtkooperation geschehen und auch durch den Aufbau des gewünschten Neuen, in Schulen, Kooperativen oder mit der Gründung von Gewerkschaften.

Plädoyer für die Macht von unten - für gewaltfreie Eskalation, hin zu mehr Gewaltfreiheit!
Beginnend mit kleinen Schritten sollte die nächste Ebene einer gewaltfreien Eskalation schon sorgsam mitgedacht werden. Dabei ist die Zielrichtung der Strategie erklärtermaßen mehr und mehr Gewaltfreiheit. Macht wird von unten aufgebaut. Die Herrschenden können zwar mit Gewalt vorgehen, aber sie sind machtlos, wenn sich die Leute davon nicht mehr beeindrucken lassen. Ein Beispiel: Für die hunderttausend britischen Soldaten war es unmöglich, Millionen von InderInnen zu kontrollieren - ab dem Tag als sie entschieden, frei zu sein. Oder ein anderes Beispiel im wirtschaftlichen Bereich: Marx vergaß die Macht der VerbraucherInnen und SteuerzahlerInnen, er sah nur die Macht der ArbeiterInnen zu streiken. Die heutigen Aktienmärkte sind hochgradigen Wechselwirkungen unterworfen. Was würde geschehen, wenn wir die Kabel zerschneiden? Oder ein Gedanke eines Freundes, den er zitierte: "Sie" werden nie Maschinen erfinden, die Hamburger essen können.

Gedanken zu einer Genderorientierte Evaluation in der ZKB
Was ist das überhaupt? Anders als früher geht es nicht einfach um die Gleichstellung der Geschlechter oder einfach um die Stärkung der Frauen. Vielmehr bedeutet eine genderorientierte Evaluation, die Geschlechter- rollen und Identitäten in ihren Wechselwirkungen zu hinterfragen und in die zivile Konfliktbearbeitung aktiv mit einzubeziehen. Warum ist das wichtig?

  • Es geht um Menschen- und Frauenrechte
  • Ein positiver Friedensbegriff beinhaltet eine Konflikttransformation, die soziale Gerechtigkeit und damit auch eine Geschlechtergerechtigkeit anstrebt.
  • Eine inklusive Gesellschaft ist auch eine friedlichere.
  • Die internationale Verpflichtung der Vereinten Nationen (Artikel 13.25)
  • Die Beiträge von Frauen und Männern zu Friedensprozessen sollen genutzt werden.


Besondere Problemfelder brauchen Aufmerksamkeit: die Sicherheit von Frauen und die dichotomen Bilder: starke Männer als Retter und Krieger und auf der anderen Seite schwache Frauen und Kinder, die von ihnen geschützt werden. Die besonderen Bedürfnisse von Frauen, z.B. bei der Entwaffnung von SoldatInnen müssen stärker als bisher berücksichtigt werden, was brauchen ehemalige KämpferInnen, was brauchen Witwen? Wie lässt sich die politische Partizipation von Frauen ermöglichen und fördern? Welche Gewalterfahrungen haben Frauen, welche die Männer? Was ist ein gerechtes Gender Budget? Angeregt durch die Einführung von Miriam Schroer entstanden in der Arbeitsgruppe Fragestellungen auf unterschiedlichen Ebenen. Ein paar davon seien hier kurz genannt:

  • Wie kann eine Rückkopplung mit den Beforschten Frauen und Männern gelingen? (Aktionsforschung, Forschungsobjekte als Subjekte (Maria Mies), Lernen für zukünftiges Handeln durch gemeinsame Reflektion?
  • Kriterien Macht und Rang, wie ist der Zugang und Einfluss in den vorhandenen Strukturen verteilt? Wie verändert sich das durch ZKB?
  • Welche Vorstellungen, Bilder über Macht und Stärke wirken? Sie sind sie konstruiert, wie werden sie dekonstruiert? Welche Rolle spielen sie bei der Entwicklung einer Kultur des Friedens? Was behindert, was fördert, wie verändern sie sich durch ZKB?

 

Gudrun Knittel (Köln)