Eindrücke vom Studientag zu Fragen der Gewaltfreiheit

Den Studientag "Gewaltfreiheit zur Gesellschaftsveränderung und /oder zur konstruktiven Bildungsarbeit - ein Spannungsfeld?", der vom Archiv Aktiv - Auswertungen und Anregungen für gewaltfreie Bewegungen, dem Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung (IFGK), dem Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (ikm) und der Arbeitsstelle "Gewalt überwinden" der Nordelbischen Kirche organisiert wurde und der am 7.10. in der Friedenskirche in Hamburg-Altona stattfand, habe ich in mehrfacher Hinsicht als Bereicherung erlebt.

Erstens bin ich vor allem sehr dankbar für die Möglichkeit, auf dem Studientag mein eigenes kirchengeschichtliches Dissertationsvorhaben "Die Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche am Beispiel Wyhl und Brokdorf" vorzustellen. Ich legte im ersten Teil meines Vortrages die Konzeption meines Projektes dar und im zweiten Teil stellte ich die Hamburger Initiative Kirchliche Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion vor. Ich empfand vor allem die angenehme Atmosphäre als wohltuend, die einen ermutigte auch Unfertiges zu präsentieren und im gemeinsamen Nachdenken weiterzuentwickeln. Und ich profitierte erstens von den kritischen Rückfragen, so z. B. nach einer ökumenischen und länderübergreifenden Perspektive und nach dem meiner Arbeit zugrunde gelegten Kirchenbegriff, und zweitens von den Erinnerungen der anwesenden Zeitzeugen. Aber auch schon die Vorbereitung des Vortrages war für mich anregend, da ich durch das Thema der Tagung "Gewaltfreiheit zur Gesellschaftsveränderung und/oder zur konstruktiven Bildungsarbeit - ein Spannungsfeld?" einen anderen Blick auf meine Thematik bekam: Eigentlich geht es mir in meiner Arbeit vor allem um die innerkirchlichen Diskussionen und die Veränderungen, die innerhalb der Kirche einhergehend mit den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen stattgefunden haben; jetzt geriet für mich aber auch die Fragestellung, inwieweit damals gewaltfreie Aktionsmöglichkeiten durch kirchliche Akteure probiert und entwickelt wurden, in den Blick.
In das Gesamtkonzept der Tagung fügte sich mein Thema ein, weil in der an meinen Vortrag anschließenden Diskussion die Erkenntnisse des vorhergehenden Vortrags "Gewaltfreie Aktion - eine soziale Praxis von Widerstand und konstruktivem Programm" von Stellan Vinthagen aufgegriffen wurden, indem vor dem Hintergrund der historischen Fokussierung auf den gewaltfreien Widerstandes gegen die Atomenergie darüber diskutiert wurde, wie und wann, auf welche Art und unter welchen Umständen gewaltfreie Aktionen wirkkräftig werden können. So wurde z.B. die Notwendigkeit einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Charakter gewaltfreier Aktionen verbunden mit Trainings in gewaltfreier Aktion diskutiert.

Sehr bereichernd war für mich zweitens das Kennen lernen der anderen wissenschaftlichen Arbeiten. Sie gaben zwar für mein Dissertationsprojekt weniger inhaltliche Anstöße, weil mein Thema doch ein wenig anders geartet lag. Aber zum einen erhielt ich methodische Anstöße über Verfahren der Textauswertung und der Interviewführung durch den Vortrag der Umweltwissenschaftlerin Beate Friedrich, die die Konzeption ihrer Diplomarbeit "Soziale Bewegungen zwischen Konfrontation und Kooperation. Perspektiven herrschaftskritischer, radikalökologischer und basisdemokratischer Akteure bei Umwelt- und Technikkonflikten" vorstellte.
Zum anderen interessierten mich inhaltlich vor allem die Themen zu Gandhis Konzept des Gewaltfreien Widerstandes, weil ich mich mit diesen etwas "laienhaft" schon auseinandergesetzt hatte, so dass ich nun vor allem auf die wissenschaftliche Aufarbeitung neugierig war.
Stellan Vinthagen von der Abteilung für Friedens- und Entwicklungsforschung an der Universität Göteborg, Schweden sprach über seine schon publizierte Dissertation "Gewaltfreie Aktion - eine soziale Praxis von Widerstand und konstruktivem Programm". In dieser Arbeit diskutierte er frühe Theorien von Mohandas Karamchand Gandhi und Gene Sharp in der Perspektive der späten modernen Soziologie, um eine soziales und praxisbezogenes Beschreibungssystem zu entwickeln. Er stellte dabei heraus, dass das Konzept der Gewaltfreiheit die Aspekte "gegen-Gewalt" und "ohne-Gewalt" miteinander kombiniert. Diese Kombination von einerseits Widerstand und andererseits Konstruktion wird verwirklicht durch dialogische Fähigkeiten, normative Regulierung, das Brechen von Macht und utopischer Ausführung. Gewaltfreiheit ist damit in diesem Konzept im Gegensatz zu früheren Konzepten eine multidimensionale Rationalität.
Pfarrer Martin Arnold, Lehrbeauftragter an der Universität Marburg im Studiengang Friedens- und Konfliktforschung, präsentierte unter dem Thema "Wie sich Gandhi die Wirkungsweise von Satjagraha vorstellte" einen Teil seines Dissertationsprojektes "Die Wirkungsweise gewaltfreier Praxis: Zentrale Konfliktaustragungskonzepte im interkulturellen Vergleich". So wie er sich in seinem Dissertationsprojekt allgemein die Frage stellt, wie Gütekraft (dt. Übersetzung von Satjagraha) wirkt und was ihre Möglichkeiten und Grenzen sind, fragte er in seinen Vortrag danach, wie sich Gandhi Gütekraft vorstellte und mit welchen Mitteln er zur erhofften Wirkung kommen wollte, wobei er den spezifischen weltanschaulichen Hintergrund Gandhis berücksichtigte. In der daran anschließenden Diskussion wurde zum einen sich mit den philosophischen Grundlagen des Konzeptes von Gandhi und ihrem weltanschaulichen Hintergrund auseinandergesetzt und zum anderen problematisiert, inwieweit Gandhis Methode auch in unserer Gesellschaft wirkkräftig angewandt werden kann.

Drittens fand ich schon allein die Konzeption der Studientage, dass es hier nämlich darum geht, dass Akteure aus gewaltfreiorientierten sozialen Bewegungen und ForscherInnen über diese Bewegungen zusammenkommen, faszinierend, da mir die Kopplung von Praxis und Theorie für beide Seiten als hilfreich erscheint: Die Theorie wird lebendig und die theoretische Reflexion der Praxis gibt dieser wiederum Impulse. Für mein eigenes Dissertationsprojekt war dies hilfreich, da ich über den Studientag zum einen Kontakte zu weiteren das Thema meiner Arbeit betreffenden Zeitzeugen aufnehmen konnte, zum anderen konnte ich mich aber auch mit anderen Forschenden über methodische Aspekte des wissenschaftlichen Arbeitens austauschen.
Auch den interdisziplinären Charakter - trafen hier doch die Fachbereiche Umweltwissenschaften, Theologie, Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Psychologie und Konflikt- und Friedensforschung aufeinander - der Veranstaltung empfand ich dabei als anregend.

Luise Schramm. Leipzig